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01.03.2016, 08:49 Uhr
Kfz-Gewerbe verbucht starkes Jahr - Nein zu E-Prämie und Bargeld-Limit

Gesamtumsatz im Markt über 23 Milliarden Euro - Höherer Marktanteil für Kfz-Gewerbe - Gebrauchte gewinnen stark - Pkw-Neuzulassungen unterdurch­schnittlich - Service leicht erholt - Private Kunden fehlen - Ausbildung mit positiver Bilanz - Nicht alle Lehrstellen besetzt - Kfz-Gewerbe will "komplettes Elektro-Paket" - Branche wehrt sich gegen Bargeld-Limit - Zuversichtliche Prognose mit einigen Fragezeichen

Hannover -

Das niedersächsische Kfz-Gewerbe verbucht ein "starkes Autojahr". Trotz im Bundesvergleich unterdurchschnittlicher Pkw-Neuwagenverkäufe stieg der Gesamtumsatz im niedersächsischen Automarkt im vergangenen Jahr um rund 1,3 Milliarden auf 23,1 Milliarden Euro. Rund 1,2 (Vorjahr: 1,1) Millionen Autokäufe, da­von 806.670 (Vorjahr: 774.480) Gebrauchtwagen, sind eine neue Rekordmarke. Der Marktanteil der niedersächsischen Autohäuser und Servicebetriebe im Ge­samtmarkt kletterte von 72,2 auf 74,9 Prozent. Gewinner des Autojahres 2015 war der Markenhandel im Gebrauchtwagengeschäft, der Verlierer 2015 der Elektro-Pkw. Karl-Heinz Bley, Präsident des Landesverbandes Niedersachsen-Bremen im Deut­schen Kfz-Gewerbe, sagte vor Journalisten in Hannover, die von neuen Umsatz-Rekorden geprägte Bilanz könne nicht überdecken, dass es "in der automobilen Welt einige Schrammen im glänzenden Lack" gebe. Dazu zählten neben den Zulassungs-Sondereffekten vor allem der hohe Anteil der Pkw-Eigenzulassungen, Auftragsver­luste privater Kunden im Service und politische Rahmenbedingungen, die die Ge­schäfte belasteten. Das niedersächsische Kfz-Gewerbe sieht trotz des Fehlstarts zu Jahresbeginn die Automobilkonjunktur auf Vorjahresniveau.

Bleys Angaben zufolge entwickelte sich der Automarkt in Niedersachsen wie folgt: Gesamtumsatz im niedersächsischen Automarkt 23,1 Milliarden Euro. Ein Plus von 5,6 Prozent. Davon ist der Anteil des Kfz-Gewerbes auf 74,9 (Vorjahr: 72,2) Prozent oder 17,3 Milliarden Euro gestiegen. Dies sei ein Plus von 9,6 Prozent.

Neuwagenumsatz im Markt: 10,5 Milliarden Euro. Ein Plus von 3,3 Prozent. Davon Neuwagenumsatz in den Autohäusern: 6,8 Milliarden Euro, ein Plus von 14,2 Pro­zent.

Gebrauchtwagenumsatz im Markt; 8,6 Milliarden, ein Plus von 10,2 Prozent. Davon Anteil des Fachhandels, der sich aus Marken- und reinem Gebrauchtwagenhandel zusammensetze: 6,5 Milliarden Euro, ein Plus von 11,0 Prozent.

Service-Umsatz jetzt 2,97 Milliarden Euro, ein Plus von 1,4 Prozent. Nutzfahrzeuge neu und gebraucht: 1, 03 Milliarden Euro, ein Plus von 4,0 Prozent.

Die Gesamtumsatzrendite vor Steuern betrage rund 1,4 Prozent.

Insgesamt wurden Bleys Angaben zufolge im vergangenen Jahr 1.167.911 (Vorjahr: 1.124.306) Autokäufe registriert, davon rund 361.000 Neuwagen. Der niedersächsi­sche Automarkt habe den Anschluss an das dynamische Wachstum im Bundes­durchschnitt leicht verpasst. Unterdurchschnittlich hoch sei auch der Diesel mit ei­nem Plus von 3,9 Prozent auf 172.992 (Vorjahr: 166.586) Zulassungen nachgefragt gewesen. 182.684 (Vorjahr: 177.098) Benziner stünden in der Jahres-Bilanz.

Weniger Privatkunden

Wenn man das Ergebnis der Pkw-Neuzulassungen weiter analysiere, dann könne man den Anteil der Privatkunden mit etwa einem Drittel quantifizieren. "Der Rest oder besser die Mehrheit der Pkw-Neuzulassungen sind gewerbliche Zulassungen, Flot­tengeschäft, Vermieter und natürlich Hersteller und auch Handel mit Eigenzulassun­gen“, sagte Bley.

Die Enttäuschung des Jahres sei das Zulassungsergebnis für Elektro-Pkw. 1.020 (Vorjahr: 1.359) Stromer seien erstmals zugelassen worden. Dies habe den Länder­anteil Niedersachsens am Bundesergebnis auf 8,3 (Vorjahr: 15.9) Prozent nahezu halbieren lassen. Bley: „Der Automarkt hat in diesem Segment zwar enttäuscht, doch die bundesweiten Ergebnisse müssen hinterfragt werden".

Abwärts sei es im Jahresergebnis auch für den gasbetriebenen Pkw gegangen. 1.675 (Vorjahr: 2.541) derartige Pkw seien verkauft worden. Einer der Gründe für die Minuszahlen im Segment der Gas-Fahrzeuge sei die noch fehlende gesetzliche Ab­sicherung der Steuererleichterung für Autogas über das Jahr 2018 hinaus, sagte Bley mit Verweis darauf, dass eine Verlängerung der Energiesteuerermäßigung bis 2025 im schwarz-roten Koalitionsvertrag vereinbart worden sei.

Den rund 120.000 Neuwagen-Privatkunden stünden knapp 766.000 Gebrauchtwa­gen-Käufer gegenüber. Lediglich fünf Prozent der Kunden im Gebrauchtwagenmarkt seien gewerblich. Die wachsende Bedeutung des Gebrauchtwagenmarktes spiegele sich in der Relation von einem Neuwagen- zu sechs Gebrauchtwagenkäufern ein­drucksvoll wieder.


Höhere Auto-Preise

Die Entwicklung der durchschnittlichen Preise für Neu- und Gebrauchtwagen in Höhe von 29.030, bzw. 10.680 Euro zeige das unterschiedliche Kaufverhalten. Private Käufer tendierten immer stärker zu einem jungen, gut ausgestatteten Gebrauchten. Hersteller und Handel belieferten diesen Markt mit ihren Eigenzulassungen. Jeder fünfte Gebrauchtwagen sei im Vorjahr jünger als ein Jahr gewesen.

Die Käufer im Neuwagen- und Gebrauchtwagenmarkt haben Bleys Angaben zufolge mehr Geld ausgegeben, wenn sie sich in 2015 ein Auto gekauft haben: Im Durch­schnitt sei ein Neuwagen aber lediglich um 20 Euro teurer geworden. Dies sei einer der geringsten Preisanstiege der vergangenen Jahre gewesen. Anders sehe es beim Gebrauchtwagen aus, der im Durchschnittspreis um rund 650 Euro auf 10.680 Euro zugelegt habe.

Von hohem Interesse seien die Verhältnisse von jährlichem Haushalts-Nettoeinkommen und Neuwagen-Anschaffungspreis und das Verhältnis Einkommen zum Preis eines Gebrauchtwagens. Erstes liege bei 59 Prozent und habe sich ge­genüber 1996 um zwei Prozentpunkte verringert. Konstant 29 Prozent seien es beim Gebrauchtwagenkäufer.

Erstmals legte der Verband "eine automobile Gesamtinvestition" für den Autokauf in Niedersachsen vor. Die Differenzen zwischen dem Erlös aus dem Vorwagenverkauf und den Durchschnittspreisen summierten sich auf rund 13,4 Milliarden Euro. Statis­tisch seien beim Neuwagenkauf aus dem Vorbesitz 7.420 Euro und beim Ge­brauchtwagen 3.730 Euro erzielt worden. Das bedeute, dass bei einem durchschnitt­lichen Neuwagen 21.610 Euro und beim Gebrauchtwagen rund 6.950 Euro draufbe­zahlt werden mussten.

Im expandierenden Gebrauchtwagenmarkt, der mit 4,2 Prozent Plus auf rund 806.000 Verkäufe überdurchschnittlich abgeschlossen habe, sei der Markenhandel der Gewinner mit einem Marktanteils-Gewinn von vier Prozentpunkten auf 42 Pro­zent. Jeweils zwei Prozentpunkte hätten der reine Gebrauchtwagenhandel und der Privatmarkt verloren. Deren Marktanteile beliefen sich jetzt auf 19, bzw.39 Prozent.

Service noch
nicht stabil

Zu den "schwierigen Geschäftsfeldern in unserer Bilanz" zähle der Service, sagte Landespressesprecher Joachim Czychy. Für 2015 könne die Branche zwar ein Plus von 1,4 Prozent und damit einen Umsatz von rund 2,98 (Vorjahr: 2,93) Milliarden Eu­ro melden, doch die Lage sei angespannt. Minuszahlen gebe es nämlich in der Auf­tragslage der privaten Kunden, Pluszahlen hingegen im gewerblichen Bereich und auch im Umsatz durch Karosserieschäden. Markenwerkstätten hätten im Service 2015 zwei Prozentpunkte verloren. Je einen Prozentpunkt hingegen hätten Freie Werkstätten und die Schwarzarbeit gewonnen.

Czychy verwies darauf, dass eine Diskrepanz zwischen den realen Ergebnissen in den Werkstätten und den Zahlen des DAT-Reports bestehe, der auch das Service­geschäft analysiert. So stammten z. B. Wartungs- und Reparaturaufträge aus dem Großkunden-/ Flottengeschäft. Ebenso fielen für den Endverbraucher keine Kosten bei Garantiearbeiten, bei einem Service- oder Wartungsvertrag sowie beim Full-Service-Privatleasing an. Ferner sorgten Unfallreparaturen zwar für Werkstattumsatz, dieser werde allerdings oft direkt über die Versicherungen abgerechnet. Die zahlrei­chen Rückrufe 2015 würden durch die Kundenbefragung ebenfalls nicht erfasst.

Für die Service-Kunden sei 2015 ein Geldsparendes Jahr gewesen, denn die durch­schnittlichen Ausgaben für Wartung und Reparatur sind Czychys Angaben zufolge um 4,6 Prozent gesunken. Insgesamt seien nach 416 noch 397 Euro im Durchschnitt ausgegeben worden.

Stolze Ausbildungs-Bilanz

Präsident Karl-Heinz Bley ging auf die Aus- und Weiterbildung mit einer stolzen Bi­lanz für 2015 mit den Worten ein, das Kfz-Handwerk habe sich einem allgemeinen Trend unbesetzter Ausbildungsplätze nicht entziehen können. Mit dem neuen Be­rufsbild habe das Kfz-Handwerk einen Volltreffer gelandet. Bley wörtlich: "Wir sind mit dem neuen Berufsbild auf Zukunft programmiert."

3.342 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge, davon 2.487 für den Kfz-Mechatroniker, 258 für den Fahrzeuglackierer und 486 für den Automobilkaufmann/-frau und 111 für den Zweiradmechaniker gab es in Niedersachsen. Das neue Be­rufsbild umfasst auch die System- und Hochvolttechnik.

Erstmals seien im niedersächsischen Kfz-Gewerbe nicht alle Ausbildungsplätze be­setzt worden, sagte Bley mit einem Hinweis auf die Lage im Handwerk. Dort seien lediglich zwei Drittel der Ausbildungsplätze besetzt worden. An dieser Lage werden aktuell auch Flüchtlinge nichts ändern können, denn jeder Ausbildung, so auch in den niedersächsischen Autohäusern und Servicebetrieben, muss die Sprachen-Schulung vorgeschaltet sein.

Flüchtlings-Diskussion

Nach einer aktuellen Befragung im niedersächsischen Handwerk sehe ein Drittel der befragten Betriebe eine Chance in der Integration von Flüchtlingen als Fachkräfte im eigenen Betrieb. In dem von den niedersächsischen Handwerkskammern mit Unter­stützung des Wirtschaftsministeriums seit dem 1.11.2015 gestarteten Projekt sollen den Angaben Bleys zufolge 500 Flüchtlinge bis August 2016 für eine Ausbildung im Handwerk gewonnen werden. "Wir brauchen Vorbilder und Best-Practice Beispiele. Die Offenheit in den Betrieben ist groß“, sagte Bley.

Allerdings fehle es an umfassender systematischer Registrierung, an Sprachkennt­nissen und an Kenntnissen bezüglich des dualen Ausbildungssystems.

"Wir bleiben bei unserem Nein zur Elektro-Kaufprämie“, sagte Bley ferner. Das hes­sische Beispiel aus dem vergangenen Jahr, als 3.000 Stromer gleich nach der Zu­lassung in den Export gegangen seien, zeige, dass es aufgrund der unterschiedli­chen Förderungen in Europa große Begehrlichkeiten gebe. Eine Prämie habe keine nachhaltigen Effekte, sondern lediglich Mitnahme-Effekte. Deutschland brauche vor allem eine leistungsfähige Lade-Infrastruktur und in der überbetrieblichen Aus- und Weiterbildung flächendeckende Förderungen.

Das aktuell diskutierte Verbot für Bargeldzahlungen ab 5.000 Euro treffe das Kfz-Gewerbe in Handel und Service. Es sei nicht die Ausnahme, dass ein Auto bar be­zahlt werde. Bei gebrauchten sei dies im Einkauf und im Verkauf öfter der Fall. Im Service könne die Reparatur eines Motors, Stichwort Austauschmotor, schnell ein paar Tausender kosten.

Eine solche Obergrenze sei ein Eingriff in die Entscheidungs- und Verfügungsfreiheit sowohl der Autohäuser und Kfz-Betriebe als auch unserer Kunden. Für das Kfz-Gewerbe seien die bereits bestehenden Regelungen des Geldwäschegesetzes, die beim Autokauf unter anderem verstärkte Überprüfungspflichten ab einer Barzahlung in Höhe von 15.000 Euro vorsehen, angemessen und ausreichend.

Bürokratischer Mehraufwand

Ein Verbot der Barzahlungen von mehr als 5.000 Euro würde im Kfz-Gewerbe ver­mutlich bürokratischen Mehraufwand verursachen, ohne dass auf den ersten Blick signifikante Effekte einer solchen Beschränkung bei der Bekämpfung von Geldwä­sche und Terrorismus zu erkennen sind.

Als "die große Herausforderung der Gegenwart und Zukunft" bezeichnete Joachim Czychy die Digitalisierung und die damit verbundenen Konsequenzen für Unterneh­men und Verbraucher. Das Autogeschäft - Fahrzeugkauf und -verkauf, Service, Teile - würde immer stärker den digitalen Veränderungen unterliegen.

Bei der Digitalisierung von Produkten und Prozessen stelle sich immer dringender die Frage nach der Daten-Hoheit. Im Kfz-Handel sei die Digitalisierung längst Reali­tät. Kunden konfigurierten neue Fahrzeuge in der Regel auf der Plattform des Her­stellers. Damit stehe der Hersteller in direktem Kontakt mit dem potenziellen Kunden. Dadurch drohe das Arbeitsprinzip, nach dem der Hersteller Automobile herstellt, Handel und Service diese verkaufen und warten, aus dem Gleichgewicht zu rut­schen.

 

Betriebe brauchen Zugang

 

Der Hersteller könne diese Kundendaten nämlich an einen autorisierten Händler oder Servicebetrieb weiterleiten. Aber auch die Kfz-Meistertriebe benötigten einen gleich­berechtigten Zugang zu allen Daten und Informationen des Kraftfahrzeugs. Czychy: "Nur dann sind wir auf Augenhöhe mit den Herstellern und können unseren Kunden den erforderlichen Service und neue Serviceleistungen anbieten."

 

Mit dem Hinweis auf eventuelle Daten-Missbräuche im Gesundheitswesen verwies er auf eine aktuelle europäische Befragung, nach der 90 Prozent der Autofahrer fänden, dass die Daten eines vernetzten Autos dem Eigentümer oder dem Fahrer gehörten, 91 Prozent forderten eine Möglichkeit zum Abschalten der Verbindung zum Autoher­steller, 92 Prozent wollten ihren Service-Anbieter selbst auswählen. Czychy: "Das sind wegweisende Ergebnisse."

95 Prozent der rund 12.000 Befragten wollten daher gesetzliche Regelungen für den Datentransfer der vernetzten Autos. Das Kfz-Gewerbe unterstütze diese Forderung, den Datenschutz auf den Mobilitätssektor auszuweiten und die Hoheit über Fahrer- und Fahrzeugdaten dem Autolenker rechtlich zuzusichern.

Die Digitalisierung sei auch in der Mobilität nicht mehr aufzuhalten. Dieser Prozess sei aber durchaus langwierig, denn bei einem Fahrzeugbestand in Niedersachsen von rund 4,6 Millionen Pkw und bei 350.000 Neuzulassungen dauere die Bestand­serneuerung 13Jahre. Der Abschied aus der analogen Autowelt habe aber begon­nen.

 

Erwartung für 2016

 

Abschließend ging Karl-Heinz Bley auf die Erwartungen im Autojahr 2016 ein. Die Minuszahlen bei Neuzulassungen und Besitzumschreibungen seien zwar ein Fehl­start, die Branche erwarte aber ein - so wörtlich - "Autojahr auf dem 2015er Niveau". Knapp 350.000 Pkw-Neuzulassungen und 790.000 Besitzumschreibungen seien "ei­ne realistische Prognose".

Für die Branche sei es wichtig, die Servicegeschäfte zu beleben und auszubauen. Wer beispielsweise die Shop-Betreiber im Internet beobachte, dann seien die Ein­kaufsmöglichkeiten für Fahrzeugteile "nahezu unbegrenzt". Verbraucher müssten aber mit großer Vorsicht die Angebote checken. Am Beispiel von Austausch-Katalysatoren sehe man, wie riskant der Einkauf durch "zweifelhafte Angebote ohne Prüfnummern" sein könnte.

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