Handwerk
24.02.2015, 16:12 Uhr
 
Eingeschnürt und reglementiert: Handwerk in der Bürokratiefalle

- Umfrage sieht Fachkräftemangel, Steuer- und Abgabenbelastung und schlechte Breitbandversorgung als weitere Wachstumsbremsen -

„Niedrige Arbeitslosenzahlen, steigende Reallöhne, eine ausgesprochen gute Konsumstimmung und die hohe Bereitschaft, in Immobilien und damit in einen längerfristigen Werterhalt zu investieren, sind für das Handwerk ausgesprochen gute Rahmenbedingungen!“, betont Karl-Heinz Bley, Präsident des Niedersächsischen Handwerkstages (NHT), anlässlich der traditionellen, wenn auch verspäteten Aschermittwochspressekonferenz des Handwerks in Hannover in diesem Jahr.


In einer Blitzumfrage des NHT, an der sich ca. 850 Betriebe beteiligten, stuften – wie auch im letzten Jahr - fast 90 % ihre Geschäftslage mit „gut“ oder „befriedigend“ ein. Nur etwa 10 % zeigten sich „unzufrieden“. Für das kommende zweite Halbjahr erwarten Betriebe eine sich leicht abschwächende Entwicklung auf einem aber nach wie vor noch hohen Niveau. Diese gute Konjunkturbewertung spiegelt sich in den aktuellen Prognosen der Konjunkturexperten der Handwerkskammern wider. So waren Ende 2014 520.000  Beschäftigte in einem Handwerksunternehmen tätig, die mit einen Umsatz von 48,7 Mrd. € fast wieder das Spitzenjahr 2011 erreichten. Für das Jahr 2015 werden die Umsätze gemäß den Prognosen weiter leicht, um 1,5 Prozent wachsen. Ein weiterer Beschäftigtenanstieg zeichnet sich vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels aber zunächst nicht ab. „Das Handwerk hat für qualifizierte Handwerker goldenen Boden und bietet gute Zukunftschancen“, appelliert der NHT-Präsident an junge, motivierte Nachwuchskräfte.

 

Die in der Blitzumfrage abgefragten größten Herausforderungen zeigen aber eine deutliche Verärgerung in den Handwerksbetrieben über die wachsenden bürokratischen Belastungen. An erster Stelle der Rangliste der größten betrieblichen Herausforderungen – noch vor dem Fachkräftemangel - steht die Bürokratie – und das mit deutlich steigender Tendenz“, betont Bley. „Die Politik verspricht seit Jahren den Abbau von bürokratischen Vorgaben. Faktisch werden die Betriebe aber mit immer mehr Bürokratie belastet. Dieses wirkt sich vor allem negativ auf die kleinen, inhabergeführten Betriebe aus!“ Die Vorfälligkeit der Sozialversicherungsbeiträge, die Gebühren- und Kontrolllasten für Nahrungsmittelhandwerke, auch für die, die sich nachgewiesenermaßen nichts haben zu Schulden kommen lassen, die bürokratische Umsetzung des Mindestlohns oder die jetzt geplante Ausweitung der Arbeitsstättenverordnung mit zum Teil nicht oder nur schwer erfüllbaren Arbeitsplatzvorgaben sind nur einige Beispiele, die die Unternehmen einschnüren!“, beklagt Bley und fordert mehr Augenmaß. „Vorhaben, die auch gut gemeint sein können, müssen vor ihrer Umsetzung zu Ende gedacht werden und es muss mehr Rücksicht darauf genommen werden, dass nicht alle pauschal belastet werden!“

 

An zweiter Stelle im Ranking der Herausforderungen steht gemäß der Einschätzung der Betriebe der zunehmende Fachkräftemangel. „Dass qualifizierte Handwerker inzwischen Mangelware, werden ist inzwischen eine Binsenweisheit!“, stellt Bley klar. „Wenn es uns nicht gelingt, mehr Anerkennung für die berufliche Bildung zu erreichen, werden wir auf der Facharbeiterebene Engpässe kommen, die zu einer Konjunkturbremse werden “, kritisiert Bley. „Dabei bietet eine Ausbildung im Handwerk so viele Möglichkeiten, bis hin zur Selbständigkeit. Das muss einfach deutlicher an die jungen Menschen und an die Elternhäuser herangetragen werden. Ein Studium ist nicht für alle der Königsweg!“

 

An dieser Stelle braucht es mehr Engagement auf Seiten der Politik. Mehr Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit erwartet das Handwerk auch bei der Einhaltung politischer Zusagen, so z.B. mit Blick auf die „Kalte Progression“ als heimliche Steuererhöhung oder auch die Fortführung des eigentlich mit einer Befristung angekündigten Solis. 95 Prozent der befragten Handwerksbetriebe stufen die heimlichen Steuererhöhung und die Fortführungspläne für den Soli als ungerecht ein. Die Steuer- und Abgabenproblematik rangiert bei der Auflistung der größten Herausforderungen an dritter Stelle.

 

Abschließend mahnt Bley, bei der Breitbandversorgung schnell zu einer mit dem Bund abgestimmten Vorgehensweise zu kommen. Die Betriebe sehen in der zum Teil schlechten Breitbandversorgung die inzwischen viertgrößte Herausforderung. Sich nur langsam aufbauende Internetseiten, das Splitten von Mails mit großen Datenanhängen, die nur schwere Durchführung von Fernwartungsarbeiten, ein schlechter Handy-Empfang oder auch das nervenaufreibende Durchlaufen von erforderlichen Updates kosten wertvolle Arbeitszeit. Wenn dadurch auch nur eine Stunde pro Woche im Handwerk verloren geht, kostet das allein ca. 60 Mio. €. Das dürfte eine nur sehr vorsichtige Schätzung sein. An dieser Stelle ist großer Handlungsbedarf!

 

Hannover, 24.02.2015


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