Handwerk
04.03.2015, 16:46 Uhr
 
Rekordumsatz im Kfz-Gewerbe - Boom mit gebrauchten Pkw

Niedersächsischer Automarkt mit Sondereffekten - 1,12 Millionen Autokäufe - Branche setzt 15,8 Milliarden Euro um - Werkstattgeschäft verliert überraschend stark - Elektromobilität bleibt in der Nische - Ausbildung wieder mit Pluszahlen - Mindestlohn verteuert den Service - Branche sieht Digitalisierung als neue Chance


v. l.: Präsident Karl-Heinz Bley; Gf Christian Metje, Landespressesprecher Joachim Czychy

Hannover/Großburgwedel. Dank eines überragenden Gebrauchtwagen-Geschäftes ist der Umsatz im Kraftfahrzeuggewerbe in Niedersachsen im vergangenen Jahr auf insgesamt 15,8 (Vorjahr: 14,7) Milliarden Euro gestiegen. Marktanteilsgewinne von rund sechs Prozentpunkten und ein gestiegener Durchschnittspreis für gebrauchte Pkw auf 10.090 (Vorjahr: 9.870) Euro sorgten für ein Plus von 20,7 Prozent im Geschäft mit gebrauchten Pkw im Fachhandel. Auch im Verkauf neuer Pkw habe der Markt mit 10,1 (Vorjahr: 8,9) Milliarden Euro eine neue Marke gesetzt. Unerwartet sei hingegen der Service mit 3,5 Prozent ins Minus gerutscht. Das Servicegeschäft sei erstmals nach Jahren des steten Wachstums spürbar unter Druck geraten. Die Zahl der Werkstatt-Aufträge für Service- und Verschleißreparaturen seien um 8,4 Prozent auf 7,6 (Vorjahr: 8,3) Millionen gesunken. Karl-Heinz Bley, Präsident des Landesverbandes Niedersachsen-Bremen im Deutschen Kfz-Gewerbe, sagte vor Journalisten in Hannover, auch durch Sondereffekte habe es im Autojahr 2014 in Niedersachsen insgesamt 1.124.434 (Vorjahr: 1.087.948) Käufe von neuen und gebrauchten Pkw gegeben. Bley: "Auch dies ist ein neuer Auto-Rekord." Insgesamt habe es im Jahresvergleich 36.500 Autokäufe mehr gegeben.

 

Bley sagte zur 2014er Bilanz, dies sei ein Autojahr mit fehlender Konstanz gewesen. Wer die einzelnen Monate im Gesamtüberblick sehe, erkenne eine Berg- und Talfahrt bei Neuzulassungen und Besitzumschreibungen. Zudem habe es durch starke Eigenzulassungen von Herstellern und Handel deutliche Sondereffekte gegeben. Das überdurchschnittlich hohe Plus bei den Neuzulassungen in Niedersachsen in Höhe von 8,1 Prozent reflektiere diese Entwicklung des Marktes 2014. Dennoch sei der Automobilhandel vor dem Hintergrund deutlicher Marktanteilsgewinne nicht unzufrieden.

 

 

Bleys Angaben zufolge entwickelte sich der Automarkt in Niedersachsen wie folgt:

 

- Gesamtumsatz des niedersächsischen Automarktes in 2014 rund 21,9 (Vorjahr: 20,3) Milliarden Euro. Dies sei ein Plus von 7,9 Prozent und eine neue Rekord-Marke.

- Der Umsatzanteil des Kfz-Gewerbes liege bei 72,2 Prozent nach 72,3 Prozent im Jahr 2013.

- Der Neuwagenumsatz mit einem Plus von 13,6 Prozent sei auf 10,2 Milliarden Euro gewachsen.

- Der niedersächsischer Gebrauchtwagenmarkt habe einen Gesamtumsatz mit Plus 6,7 Prozent auf 7,9 Milliarden Euro erreicht.

- Davon habe der Fachhandel mit einem unerwartet hohen Plus von 20,7 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro überrascht.

- Der Service-Umsatz sei erstmals nach vielen Jahren mit minus 3,5 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro gesunken.

- Die Gesamtumsatzrendite vor Steuern betrage nach 1,3 Prozent im Jahr 2013 nun rund 1,0 Prozent.

 

Höhere Preise

Beim durchschnittlichen Preis eines neuen Pkw nähere sich der Markt in Niedersachsen der 30.000er Marke. Im vergangenen Jahr habe er mit 29.010 Euro - bundesweit liege dieser Preis bei 28.330 Euro - eine neue Bestmarke notiert. Dieser höhere Preis sei aber nicht etwa das Ergebnis von Preiserhöhungen, sondern vor allem das Resultat aus der Entwicklung der Teilmärkte. Bley: "Wenn ein Auto gekauft wurde, dann wurde ein größeres und gut ausgestattetes Fahrzeug erworben."

 

Nahezu zwei Drittel aller Neuwagen - exakt seien dies 63,8 Prozent - seien in 2014 gewerbliche Käufe gewesen, lediglich 36,2 (Vorjahr: 37,9) Prozent Privatkäufe. Für den Markt in Deutschland bedeute dies zahlenmäßig, dass 1.937.740 gewerbliche Käufe mit einem Plus von 105.434 Verkäufen und 1.099.033 Privatkäufe mit einem Minus von 21.000 Zulassungen in der Jahresbilanz stünden.

 

Veränderte Modell-Segmente

Der höhere Durchschnittspreis resultiere vor allem aus den Veränderungen in den Modell-Segmenten, denn aktuell erreichten die SUVs einen Marktanteil von 16,8 (Vorjahr: 15,4) Prozent, Kleinwagen hingegen verharrten bei 13,1 Prozent. Unverändert sei die größte Klasse die Kompaktklasse mit 25,6 (Vorjahr: 25,3) Prozent.

Der Präsident des Kfz-Gewerbes in Niedersachsen verwies ferner darauf, dass die größte Neuwagenkäufer-Gruppe die über 60-Jährigen mit 33,1 (Vorjahr: 33,6) gewesen seien, gefolgt von den 50- bis 59-Jährigen mit 27,6 (Vorjahr: 26,8).

Die 40- bis 49-Jährigen entsprächen 21,4 (Vorjahr: 22,1), die 30- bis 39-Jährigen 10,9 (Vorjahr: 10,7) und die bis 29-Jährigen seien eine Käufergruppe im Neuwagenmarkt mit einem Anteil von 6,8 (Vorjahr: 7,0) Prozent.

 

Privatmarkt verliert

Verlierer des Gebrauchtwagen-Marktes 2014 sei der Privatmarkt, klarer Gewinner hingegen der Markenhandel. Mit einem Marktanteilsgewinn von 6,1 Prozentpunkten auf 38,9 Prozent und einem Umsatz von knapp 4,3 Milliarden Euro sei der markengebundene Handel in die Pole Position gefahren. Gemeinsam mit dem reinen Gebrauchtwagenhandel habe man 5,9 Milliarden Euro Umsatz verbucht. Der Privatmarkt sei auf 1,9 Milliarden Euro Umsatz abgerutscht.

 

Profitiert habe der Automobilhandel bei dieser Entwicklung auch von den Eigenzulassungen von Herstellern und Handel, denn die jungen Gebrauchtwagen seien in der Käufergunst deutlich gestiegen. Bley warnte in diesem Zusammenhang davor, den Kurs von der taktischen Zulassung zum jungen Gebrauchtwagen auszubauen. Wörtlich: "Betriebswirtschaftlich geht diese Rechnung nicht auf. Die Rendite in 2014 zeigt dies."

 

Ausbildung im Plus

Landespressesprecher Joachim Czychy legte unter anderem die Bilanz der Ausbildung im niedersächsischen Kfz-Gewerbe vor. Positiv sei die gestiegene Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge für die Berufe Kfz-Mechatroniker und Automobilkaufmann/-frau. Insgesamt habe sich die Ausbildungsbilanz mit rund 3.100 Verträgen auf Vorjahresniveau gehalten, aber beim Mechatroniker gebe es ein Plus von 6,2 Prozent auf 2.463 neuen Verträgen. Noch stärker, nämlich um rund 14 Prozent, seien die neuen Ausbildungsverhältnisse beim Automobilkaufmann/-frau auf 486 angestiegen.

 

In diesem Zusammenhang sagte Czychy, neueste Untersuchungen belegten, dass für das Kfz-Gewerbe das Thema Fachkräftemangel "bis zum Jahr 2020 vom Tisch ist". Zu den Trends im Personalbereich zählten, dass die Zahl der Fachkräfte in Autohaus und Werkstätten bis zu 20 Prozent abnehmen werde. Dazu trage auch bei, dass tendenziell der Umfang von Wartung- und Verschleißreparaturen abnehmen werde. Ob 2014 das erste Jahr dieser Entwicklung gewesen sei, müsse man aufmerksam analysieren und beobachten.

 

Kräftiges Bestandswachstum

Beim aktuellen Fahrzeugbestand habe Niedersachsen überdurchschnittlich zugelegt. Während der Pkw-Bestand bundesweit um 1,3 Prozent auf 44,4 Millionen gewachsen sei, habe in Niedersachsen der Pkw-Bestand um 1,54 Prozent auf 4,45 Millionen Pkw zugelegt. Dies entspreche zehn Prozent des Bundesergebnisses.

Service erstmals rot

Das Werkstatt-Geschäft im niedersächsischen Kfz-Gewerbe habe erstmals einen deutlichen Rückgang hinnehmen müssen. Das Umsatzminus von 3,5 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro schmerze besonders.

Czychy sieht die Ursache für den Rückgang im alten Fahrzeugbestand auf der einen Seite und dem wachsenden Volumen junger Fahrzeuge auf der anderen Seite. Wörtlich: "Die einen kommen nicht mehr, die anderen müssen noch nicht." Im Besonderen hätten sich im vergangenen Jahr im Teilegeschäft auffällige Risse gezeigt. Mit 13 (Vorjahr: 11) Prozent wachse das Internet als Bezugssystem stetig. Die Branche müsse sensibler werden, die Chancen in den digitalen Vertriebswegen frühzeitig zu erkennen.

 

Das auf 9,4 Jahre angestiegene Durchschnittsalter der Pkw in Privathand mache deutlich, dass sich die Branche auf ein verändertes Serviceverhalten einstellen müsse. Es gelte zu prüfen, ob besondere Angebote wie die zeitwertgerechte Reparatur ein Weg aus der Service-Krise sein könnten. Der Blick auf den Servicemarkt zeige neben dem Verlust von Aufträgen auch ein geringeres Kostenvolumen bei Wartung und Verschleißreparatur. Dies resultiere aus dem steigenden Bestand junger Fahrzeuge, deren Wartungsintervalle das doppelte Zeitfenster der durchschnittlichen Jahresfahrleistung von 14.470 (Vorjahr: 14.210) hätten. Czychy: "Den Durchschnittskunden sehen wir alle zwei Jahre zum Service."

 

Marketing macht munter

Die Branche müsse Wege finden, stärker als bisher saisonale Anlässe zu definieren, um der Service-Müdigkeit zu begegnen. Dabei gehe es, wie die hohen Mängelquoten von über 30 Prozent beim Licht-Test für Pkw und für Lkw zeigten, auch um die Sicherheit auf den niedersächsischen Straßen. Czychy forderte seine Branche auf, mit verstärkten Marketing-Aktionen die breite Dienstleistungspalette der Kfz-Meisterbetriebe transparenter als bisher zu gestalten. Die Mängel-Bilanz bei den Hauptuntersuchungen zeigt nach Auffassung Czychys, dass es bei den "Problem-Teilen Lichtanlage und Bremsanlage" um Sicherheit, aber auch um Chancen des Kundenkontakts gehe.

 

Schwungloser Markt 2015

Der Januar zeigte sich nach den Erfolgen des Jahres 2014 im Gebrauchtwagenmarkt als schwunglos, sagte Bley mit Hinweis auf ein Minus von rund drei Prozent zum Jahresstart. Dennoch bleibe die Branche vorsichtig optimistisch, das Volumen des vergangenen Autojahres mit rund 775.000 Besitzumschreibungen erreichen zu können.

 

 

Schwungvoll indes sei der Januar im Neuwagenmarkt mit Zuwächsen von 5,1 Prozent gestartet. Der Automobilhandel erwarte für 2015 Neuzulassungen im Volumen von knapp 345.000 Verkäufen. Dabei gehe man, wie Bley sagte, davon aus, dass sich die Teilmärkte gewerblich und privat nur marginal veränderten. Wörtlich: "35 Prozent Anteil der Privatkunden sollte die Untergrenze sein."

 

Mit insgesamt 1,12 Millionen Autokäufen bleibe der niedersächsische Automarkt auch in 2015 nach den Erwartungen des Verbandes eine der größten deutschen Ländermärkte mit Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Die Länderquote Niedersachsen betrage rund 11,2 Prozent.

 

Große Herausforderungen

Die großen Herausforderungen des Autojahres 2015 für die ca. 3.400Autohäuser und Werkstätten in Niedersachsen entstünden aus der zunehmenden Digitalisierung und einem veränderten Mobilitätsverhalten. Der Markt werde zeigen, ob sogenannte Mobilitäts-Zusatzleistungen wie beispielsweise Car-Sharing in einem Flächenland wie Niedersachsen ähnliche Resonanz fänden wie in den Stadtstaaten und Ballungs-zentren.

 

Die anhaltenden Diskussionen über den Automobilvertrieb der Zukunft zeigten, dass es "keinen Königsweg in der Automobilwirtschaft" geben werde. Mit dem Hinweis auf Umfrage-Ergebnisse (Lease Trend Studie) sagte Bley, unverändert sehe eine Mehrheit der Unternehmer im stationären Handel auch weiterhin das bestimmende Element im Automobilgeschäft der Zukunft. Indes gebe es nur wenige Zweifel, dass der Prozess der Veränderungen eher evolutionär als revolutionär verliefe. Wörtlich: "Die Handelsgeschichte rund um das Automobil lehrt, dass Veränderungen in kleinen Schritten erfolgten. Allerdings wird der Prozess der Veränderungen an Tempo gewinnen".

 

Gegen Internet-Foren

 

Der Verband werde unverändert gegen Internetplattformen kämpfen. in denen Markenhändler im "digitalen Schatten der Anonymität" neue Modelle anböten und mit starken Nachlässen den Preisdruck unkollegial erhöhten. In dieser Frage könne der Handel mit seiner Berufsorganisation nicht allein ans Ziel kommen. Dieser Weg bedürfe der wirkungsvollen Unterstützung der Automobilhersteller. In diesem Zusammenhang müssten auch die rechtlichen Aspekte des Automobilvertriebs geprüft und etwaige Verstöße konsequent verfolgt werden. Für ein "Augen zu und durch" gebe es keinen Spielraum mehr.

 

 

 

 

Diskussion über Daten

In der jetzt in die Öffentlichkeit getragenen Diskussion über Daten der Kunden und der Autos bezog das Kfz-Gewerbe eindeutig Position. "Die Daten gehören dem Kunden oder dem Autohaus“, sagte Bley mit Hinweis darauf, dass dieses Thema "einen runden Tisch ohne vorherige Schuldzuweisungen" erfordere. Am Beispiel des sogenannten Connected Service werde deutlich, dass der automobile Datentransfer auch eine marktlenkende Funktion zulasten der Autohäuser und Werkstätten haben könnte.

 

Mit dieser Debatte erhalte das Thema Digitalisierung in der Automobilwirtschaft eine neue Dimension. Nachdem es offensichtlich beim Projekt eCall gelungen sei, eine marktoffene Datenplattform zu schaffen, forderte Bley Politik und Hersteller auf, das mittelständische Kfz-Gewerbe frühzeitig in die Gespräche mit einzubeziehen.

 

Teurer Mindestlohn

Das Kfz-Gewerbe zähle nicht zu den Branchen, die beim "Thema Mindestlohn in der ersten Reihe stehen". Dennoch gebe es vor allem im breiten Dienstleistungsbereich der Autohäuser und Werkstätten Tätigkeiten wie Zulassungsservice oder Fahrzeug-aufbereitung, die nach den neuen gesetzlichen Bestimmungen höher entlohnt würden. Dies führe auch zu Preissteigerungen. 48 Prozent der Kfz-Unternehmen in Deutschland erwarteten nach einer Branchen-Umfrage steigende Endkundenpreise.

 

Bley erinnerte in diesem Zusammenhang an Marktuntersuchungen, nach denen mit steigender Tendenz rund sechs Prozent der Pkw-Besitzer mindestens einmal pro Jahr ihr Fahrzeug professional aufbereiten ließen. "Ein neues Ärgernis hohen Ranges" sei der administrative Aufwand, der vom Mindestlohngesetz ausgelöst werde. Es zähle nun mal zum Merkmal des Kfz-Gewerbes, dass mehrheitlich die Unternehmer aktiv im Tagesgeschäft stünden und vor dem Hintergrund der wachsenden Heraus-forderungen im Automobilgeschäft "lieber vor Kunde als vor dem Aktenberg aktiv sind".

 

Kritik an Entwurf

In diesem Kontext lehne das Kfz-Gewerbe die geplanten Auflagen der Arbeitsstättenverordnung ab. Die im Gesetzentwurf festgelegten Pläne der Bundesregierung seien nicht praktikabel. Dies gelte beispielsweise für so genannte Sozialräume, die vor allem in Klein- und Mittelbetrieben des Kfz-Gewerbes mit erheblichem Aufwand umgestaltet werden müssten.

 

 


Diese Seite in einem sozialen Netzwerk veröffentlichen:

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Yahoo! Bookmarks
  • Windows Live
  • Yigg
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon